Alte Bräuche

Das vom Fürstbischof Martin den Ringsbürgern von Freiwaldau verliehene Braurecht übten dieselben in der Weise aus, dass sie sich einigten, wonach jede Woche ein anderer Ringbürger das Bier braute und durch einen Bierwedel (welcher am Hause herausgesteckt wurde) anzeigte, wo sich in dieser Woche der Bierschank befand. Dieses Gebahren wurde mit dem Worte „Reihenschank“ bezeichnet.
Der erwähnte Bierwedel bestand aus einem langen Stocke, an dessen Spitze Hobel- oder Schindelspäne angebunden wurden, welche in Form einer Fahne am Hause flatterten, wo sich eben der Bierschank in dieser Woche befand.
Diejenigen Ringsbürger von Freiwaldau, welche keine besondere Brauvorrichtung oder Kessel hatten, brauten wohl auch das Bier im Ofentopfe; dies wirft gewiss ein Bild auf den damaligen geringen Bedarf von Bier und machten auch jene Biertrinker keine solchen Ansprüche an das Bier in Freiwaldau, wie die heutigen an das  Pilsner Bier. Das Malz zu diesem Bier bezogen die Bürger aus ihrem eigenen Malzhause, welches ihnen der Fürstbischof Martin um einen sehr geringen Preis verkauft hatte.
Dieser Zustand der Bierbrauerei in Freiwaldau blieb so bis zum Jahre 1826, wo sich die Bürger wieder vereinigten und das sogenannte Stadtbräuhaus an das alte Malzhaus anbauten, obwohl in diesem Hause auch sehr primitive Einrichtungen vorhanden waren.
Die Bürger stellten unter sich selbst einen sogenannten Bierinspector aus, welcher die Rechnung führte, die Zinsungen für das verpachtete Bräuhaus einhob und diese Gelder dann unter die Theilnehmer des Bräuhauses vertheilte.

Wenn mancher Greis am Abende seines Lebens über den Stadtplatz von Freiwaldau schreitet, so flackert in seiner Brust noch ein Strahl von Freude auf, wenn er an die schönen Sommerabende seiner Knabenzeit zurückdenkt, wo er mit vielen seiner Genossen aus der Böhmischgasse und von der Freiheit sich beim Rathhause versammelte und dort unter lautem Lärmen und Schreien dem „Gritschkel-Schlagen“, dem „Fingernixel“, "Versteckens"- und dem Ballspiele huldigte, wobei die Hausthüren am Platze oft ein Versteck bilden mussten. Auch kam es manchmal vor, dass Fensterscheiben von einem fehlgegangenen Balle klirrten. Diese Beschädigungen kamen jedoch selten zur Anzeige, sondern die Eltern der Attentäter machten in der Regel die Sache gut und alles war abgethan, und wollten auch die Besitzer der eingeschlagenen Fenster andererseits nicht, dass den hoffnungsvollen Sprößlingen ihrer Mitbürger Wehe geschehe, da sonst dieselben in der Schule über den Stuhl gelegt, die Hosen an einer gewissen Stelle des Körpers angezogen und eine angemessene Anzahl Schläge mit dem „Staberl“, auch „Sende“ oder „Weinräme“ genannt, von den drei einzigen damaligen Lehrern in Freiwaldau, dem ehrsamen Herrn Franz Jordan, dem ehrsamen Herrn Gotthard Bude und dem ebenso ehrsamen Herrn Josef  Peschel, letzterer auch Chorrector, deren Namen hier dankbar und sehnend genannt werden, applicirt wären.
Wenn nun aber bei diesem munteren Spielen um 9 Uhr abends die Sturm- oder Feuerglocke vom hölzernen Rathhausthurme erschallte, wobei derselbe an der Spitze bedenklich wankte und wackelte, worüber sich doch weder die Jugend noch Erwachsene aufhielten, so war dies ein Signal zum sofortigen zu Hause gehen, und alles sammelte sich bei diesen Spielen bei der heutigen Statue des heiligen Johannes am Platze, um welche noch ein hölzerner Zaun war, und sich auch dort ein bereits sprüchwörtlich gewordener Sandhaufen befand.
Ein heilsamer Schrecken überfiel jedoch diese Jugend, wenn der ehrsame Herr Bürgermeister Josef Raymann, der lahm war, und stets einen Stock mit Krücke trug, mit demselben drohte, und mit starker Stimme von seinem Hause aus, gegenwärtig k.u.k. Tabak-Hauptverlag in Freiwaldau drohend auf die nördliche Seite des Stadtplatzes rief, um den Lärm der Jugend etwas einzudämmen.

Vor dem Jahre 1610, wo das jetzige Rathhaus der Stadt Freiwaldau mit seinem Schindeldache und dem hölzernen Thurme erbaut wurde, besaß auch die Gemeinde die zweifelhafte Wohlthat einer steinernen Schandsäule, an welche jedoch nicht entehrte Jungfrauen oder andere Gesetzesübertreter, sondern blos Männer und Frauen, welche sich des Betruges der unrichtigen Garnweifung auf der kurzen schlesischen Elle schuldig gemacht hatten, angebunden, und der öffentlichen Besichtigung ausgestellt werden.
Diese Schandsäule wurde dann in der neueren Zeit cassiert und es lag jahrelang an der nördlichen Wand des neuen Rathhauses ein Stück des steinernen Schaftes dieser abgebrochenen Säule, welche den Eier- und Butterhändlerinnen einen sehr bequemen Sitz bot, um ihre Waren auszubieten, und verschwand erst der letzte Rest dieser Säule unter dem ehrsamen Bürgermeister, Herrn Adolf Raymann sen. von der Bildfläche der Stadt Freiwaldau.

Im gegenwärtigen Geschäftslocale des ehrsamen Herrn Fabrikanten Kleofas Riedel, am Stadtplatze Nr. 157, befand sich in jener Zeit in der Mitte desselben eine starke Säule, um welche sich die lustigen Tänzer und Tänzerinnen drehten, und wurde dieses Einkehrhaus auch „Kretscham“ genannt, mit dem Schilde „Zum goldenen Ochsen“ benamset.
Im eigenen Hause des ehrsamen Herrn Bürgermeisters Franz Brauner war ebenfalls ein Tanzboden, welcher jedoch nicht allgemein verwendet wurde, sondern wo blos ein kleiner Kreis ehrsamer Bürger und deren Ehewirtinnen zusammen kamen, um sich in ruhigen und anständigen Tänzen zu ergehen. Zu anderen Zeiten war der erwähnte Saal ein Garnmagazin.
Auch kamen in jenen Zeiten die alten ehrsamen Bürger der Stadt Freiwaldau unmittelbar vor Weihnachten im Weinschanke des ehrsamen Bürgers, Herrn Vincenz Raymann am Stadtplatze, gegenwärtig noch ein Weinschank, zusammen, um für die Weihnachtszeit um Christ-Striezel und Karpfen zu spielen, welche ihnen dann ins Haus zugestellt wurden.

Bis in die neuere Zeit wurden auch den Kranken und Sterbenden die heiligen Sacramente in den Gemeinden Böhmischdorf, Buchelsdorf und den Haugemeinden in der Weise ins Haus gebracht, dass der versehende Priester in die betreffende Gemeinde ritt. Vor der Hausthür des Pfarrhofes war eine Säule eingegraben, an welche der betreffende Knecht aus den genannten Gemeinden einen manchmal schon sehr abgetriebenen Acker-Gaul zur Pfarrei brachte, und an die Säule befestigte. Der Knecht holte sich vom ehrsamen hochw. Herrn Pfarrer die Schabracke sammt dem vollständigen Reitzeug, sattelte das Pferd, während der Priester das Hochwürdigste aus der Kirche holte. Dieser war mit einem langen schwarzen Gehrock, blank gewichsten, bis an die Knie reichenden Stiefeln versehen, trug die Stola von der rechten Achsel in die linke Seite gekreuzt, das Hochwürdigste auf der Brust, an der rechten Seite das heilige Oel und in den Händen die Zügel und die Reitgerte.
Während der Abwesenheit des Priesters ruhte sich bei schöner Witterung der Knecht auf dem Bankel vor dem Pfarrhofe aus, bis er von dem Zurückkehrenden das Pferd wieder in Empfang nahm und mit demselben nach Hause zog.
Als es sich nun aber ereignete, dass dem am 18. März 1805 in Olbersdorf geborenen, und in Freiwaldau am 26. Februar 1872 verstorbenen ehrsamen hochw. Erzpriester Herrn Josef Lichtblau ein Pferd gebracht wurde, um zu einem Kranken nach Böhmischdorf zu reiten, welches auf der Kaulwiesen, wahrscheinlich in Folge des Läutens mit dem Versehglöcklein, scheu wurde, und der genannte Priester genöthigt war, von diesem Pferde abzusteigen, um es an einen Baum anzubinden, und seinen Weg sodann zu Fuß fortsetzen musste, kam dieser Gebrauch ab, und wurde in die obgenannten Gemeinden der Priester nur immer in einem Wagen abgeholt.

Vor dem Hause des ehrsamen Stadtwundarztes und Ringsbürgers, Herrn Anton Günther, in der unmittelbaren Nähe des gegenwärtigen löblichen k. k. Bezirksgerichtes war ebenfalls eine Säule eingegraben, um den Arzt auf dem Rücken eines Ackerpferdes sitzend, zum Kranken zu tragen.

Als nach der Schlacht bei Leipzig ein feierlicher Friedensschluss auch in Freiwaldau mit Illumination gefeiert wurde, hingen vom Hause des ehrsamen Bürgermeisters Herrn Franz Brauner bis zum Hause des ebenso ehrsamen Kaufmannes Herrn Karl Schubert, zwischen den Häusern Nr. 20 und Nr. 66 also über die heutige Raymannstraße Laternen, welche eine Höhe von beiläufig 60 cm hatten und an Drähten befestigt und mit Inseltlichtern (Unschlitt-Kerzen) beleuchtet wurden, weil man damals andere Kerzen, außer den Wachskerzen, welche nur in Kirchen ihre Verwendung fanden, nicht kannte. Diese hohen Laternen wurden auch zur Beleuchtung des Vorhauses bei Benützung des vorhin erwähnten Tanzsaales bei dem ehrsamen Herrn Brauner gebraucht.