Die Vertreibung

Mit dem Beginn der sog. "wilden Vertreibungen" haben wohl die meisten der Landsleute noch daran geglaubt, dass es sich dabei um Ausnahmen handeln würde, und dass sich die Situation allmählich wieder beruhigen würde. Erst als in einer ehemaligen Munitionsfabrik ein Sammellager eingerichtet wurde, von dem aus die Transportzüge zusammengestellt wurden, war an einer Vertreibung größeren Ausmaßes nicht mehr zu zweifeln. Ich selbst habe damals, als mich meine Mutter eines Tages beauftragte, Koffer zu kaufen - merkwürdigerweise gab es die damals tatsächlich, auch wenn sie mehr oder weniger aus Pappe bestanden, obwohl nach Kriegsende die gesamte Wirtschaft zusammengebrochen war - eher an einen größeren Ausflug gedacht als an eine "Vertreibung" auf Dauer. Es dauerte auch nicht lange, bis der offizielle "Auswei­sungsbefehl" präsentiert wurde.

Selbst nach der Vertreibung  gab es  noch nach Jahren immer wieder Gerüchte, dass eine Rückkehr  in die Heimat bevorstehe. Als wir uns schließlich wieder ein neues Heim aufgebaut hatten, dachte wohl niemand mehr an eine Rückkehr. Allerdings war ich 1966  doch sehr interessiert, mir die alte Heimat einmal anzusehen, zu einer Zeit, in der es noch nicht einfach war, ein Visum zu bekommen. Die Erinnerung an diese Reise ist inzwischen ziemlich verblasst. Das Wiedersehen der bekannten Landschaft aus den Kindertagen war geprägt von einer gewissen Neugier, ob ich wohl alles wieder erkennen würde. Das emotionalste Erlebnis war, als wir auf Vermittlung einer Bekannten, in unser Haus durften und von der tschechischen Familie zu einer Tasse Kaffee eingeladen wurden. Das Verhältnis zu den Tschechen war damals nicht von Ressentiments  bestimmt, zumal wir unser Schicksal nach 20 Jahren  doch soweit  akzeptiert hatten. Zu dieser Zeit stand auch die berufliche Situation noch im Vordergrund, so dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit noch keinen besonderen Stellenwert eingenommen hatte.

Aber schon nach einigen Jahren änderte sich diese Einstellung. Ich begann  mit der Ahnen­forschung  und stieß da bei Recherchen zu dem Geburtsdatum vom meinem Großvater auf die ersten Schwierigkeiten. Über einen Tschechen  habe ich versucht, mir eine Geburtsurkunde vom Großvater zu besorgen. Nach einem umfangreichen Schriftwechsel bekam ich schließlich von der tschechischen Botschaft in Bonn, die Mitteilung, dass ich die Urkunde in Bonn abholen könne. Nachdem ich gebeten habe, mir doch diese Urkunde zuzuschicken, wurde von mir verlangt, dass ich durch Ausweise nachweisen müsse, dass ich berechtigt sei, diese Urkunde zu erhalten. In einem ausführlichen Schreiben habe ich dargelegt, dass sämtliche Unterlagen bei der Vertreibung – das Wort habe ich damals durch Aussiedlung umschrieben -  „abhanden“ gekommen seien. Der einzige Nachweis, den ich anhand einer Kopie des Personalausweises anbieten könne, sei, dass ich mit meinem Zweitnamen ebenfalls „Eduard“ heiße. Das wurde schließlich als Nachweis anerkannt und ich erhielt die Urkunde gegen  vorherige Überweisung der „Unkostenrechnung“ von 50,- DM.

Bei den weiteren Recherchen über verschiedene Heimatvereine  stieß ich auf eine Fülle von Literatur, in der auch die ganze historische Entwicklung der Sudetenfrage aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg über die Zeit nach 1918 bis zum Münchener Abkommen  und schließlich nach 1945 behandelt wurde.

In der Nachkriegszeit wurde nach und nach immer deutlicher, dass man  über die Leiden und Grausamkeiten der Vertreibung nicht einmal laut klagen durfte. Es gab auffallend wenig zu diesem Thema in der zeitgenössischen Literatur. Ina Weisse hat es in ihrem Buch „Die Töchter der Weber“, Geschichte einer glanzvollen Familie, treffend zum Ausdruck gebracht:

„Die Juden hatten nach dem Krieg zu Recht das Mitgefühl der ganzen Welt, die Vertriebenen hatten gar nichts. Sie hatten keine Stimme, außer dem reaktionären Getöse der Sudetendeutschen Landsmannschaft, und wer wollte sich das schon anhören? Nur wer selbst einmal vergebens darauf gewartet hat, dass man sich nach einer schwerwiegenden Kränkung bei ihm entschuldigt, vermag den schwelenden Groll der Mil­lionen Vertriebenen zu verstehen, die stellvertretend für die grausamen Taten der Deutschen büßten.“

Dass bei Kriegsende und vor allem danach  über 3,5 Mill. Sudetendeutsche vertrieben, wobei gut 270 000  ermordet wurden, darüber  schwieg die Politik, ja es verstieß gegen die verordnete "politische Korrektheit", über diese Opfer und deren Leiden zu trauern.

Diese Einstellung ist heute zu einer Art politischer Religion geworden; sie ist nahezu allgegenwärtig, ebenso wie Heuchelei und Feigheit.  Die 68er haben den langen Marsch durch die Institutionen geschafft und beherrschen die Chefetagen des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der sich aus einer Empfängersteuer bequem und reichlich alimentiert.

Die CZ hält an den Beneš-Dekreten fest und verteidigt diese mit Klauen und Zähnen und stilisiert sie als „Pyramiden des tschechischen Rechtsstaates“ hoch. Für Beneš und auch für die heutige CZ-Regierung sind die damaligen Greueltaten an deutschsprachigen Menschen – egal ob Nationalsozialisten, Juden oder apolitische Klientel – legitim. Und so kam es, dass die EU  keinen Anstoß daran nahm, dass die Beneš-Dekrete in der CZ weiterhin in Kraft bleiben, obgleich sie mit der Rechtsordnung der EU unvereinbar sind.

Nach den vielen Leserbriefen und Artikeln in Zeitungen habe ich mich mit unserem eigenen Vertreibungsschicksal näher befasst und die „Vertreibung aus der Heimat“ aus der Erinnerung in einem Buch aufgeschrieben.

In diesem Zusammenhang noch ein Hinweis auf  Klaus Rainer Höhls Buch "Die verbotene Trauer"  wo er beschreibt, wie der Prager Sender am 5. Mai 1945 von Partisanen erobert wurde und die tschechische Übersetzung von Ilja Ehrenburgs Propaganda ausstrahlte. Die Aufforderung   von Ehrenburg lautete lapidar: "Tötet den Deutschen, wo ihr ihn findet, macht keinen Unterschied zwischen Soldaten und Zivilisten, tötet Frauen und Kinder, rottet alle aus...".  Es ist kaum zu glauben, dass dieser Mann anlässlich seines 100. Geburtstages  im Feuilleton der FAZ als großer Humanist gefeiert wurde.

Die Politiker haben es systematisch verhindert, dass die Jugend über die Vergangenheit informiert wurde, außer in politisch korrekten und zensierten Teilen. Über die oft bestialisch ermordeten Deutschen zu trauern, war und ist nicht politisch korrekt. - Die "Spitzenpolitiker" haben sich gegenüber den Vertriebenen besonders gemein verhalten.

Die im Bundesarchiv in Koblenz vorhandenen Berichte über die Vertreibungsverbrechen wurden unter Verschluss gehalten.

Der bekannte amerikanische Völkerrechtler Alfred de Zayas (UNO in Genf) erhielt auf seinen Antrag auf Einsichtnahme vom Minister Maihofer am 14. 10. 74 die Antwort: "... das Bundesarchiv bittet daher um Verständnis, Ihren Wunsch nach Überlassung eines Exemplars nicht erfüllen zu können, obwohl der damalige Staatssekretär Klaus Bölling am 4.2. 1975 im Deutschlandfunk wider besseres Wissen erklärt hatte: "Jeder, der sich zu wissenschaftlichen und publizistischen Zwecken mit dieser Untersuchung vertraut machen will, hat ja auch Zugang zu ihr."  

Im März 1975 legte Wilfried Ahrens sein Buch vor: Verbrechen an Deutschen - die Wahrheit, die Bonn verschweigt (ISBN 3-922 116-05-1). Nun war das "Geheimnis" gelüftet.

                                                Veritatem dies aperit.

Die Bundesregierung schwieg beharrlich. Vergebens erinnerte der damalige sowjetische Bot­schafter in Bonn, Valentin Falin, Bundeskanzler Schmidt an das angebliche Bonner Versprechen, die Dokumentation geheim zu halten.

Nach allem, was heute über die Planung der Vertreibung bekannt ist, ist es erstaun­lich, dass damals nichts darüber bekannt geworden ist. In einer Rundfunkbotschaft vom 27. Oktober 1943 äußerte Beneš:

In unserem Lande wird das Ende des Krieges mit Blut geschrieben werden“.

In seinem Vortrag vor dem Staatsrat in London am 3. Februar 1944,  sagte er:

„Der Krieg  wird  in  seiner  letzten Phase zu einem allgemeinen Volkskrieg''

und schließlich mit seiner an die Heimatfront (?) vom 16. Juli 1944 gerichteten Botschaft ließ er unter anderem erklären:

"Wer den Tod verdient hat, soll ausliquidiert werden, sei es durch Volks­erhebung oder Militärmacht gleich nach dem Umsturz.“

Es gab doch eine große Zahl von Deutschen, in erster Linie die im Sudetenland tätigen Politiker, die der tschechischen Sprache mächtig waren. Die müssen doch eigentlich verstanden haben, was sich da gegen die Sudetendeutschen zusammen braute. Haben alle geglaubt, dass ein solcher Schurke wie Beneš in seinem blinden Deutschenhass nicht wirklich ausführen  lässt, was er ankündigt?  Er selbst hat sich seine Hände ja nicht befleckt, dafür hatte er seine willfährige Klientel, für die er schließlich per Dekret eine Amnestie für ihre Untaten erlassen hat.