Das Land der Ahnen / Österreich-Schlesien




Karte von Mähren und Österr. Schlesien  aus dem Jahr 1692

„Wenn es darauf ankäme, wer ein älteres geschichtliches Recht auf Böhmen und Mähren hätte, Deutsche oder Tschechen, so hätten es zweifellos die Deutschen“ schreibt Prof. Dr. Ernst Schwarz in seinem Buch[1] und belegt dies durch zahlreiche geschichtliche Fakten, wie z. B. viele Flussnamen, die von den Germanen den  früheren Bewohnern Schlesiens übernommen wurden und bis heute geblieben sind.

Aus der frühen Geschichte und anhand von archäologischen Funden lässt sich eine Besiedlung durch die Kelten schon im  400 v. Chr. nachweisen. Germanische Stämme, die Lugier, Silinger ( ein Vandalenstamm) siedeln später um ca. 100 v.Chr. in Schlesien. Auch der Name Silesia  ist vom Germanenstamm  der Silinger abgeleitet.

Als 375 n. Chr. die Hunnen in Europa eindringen, ziehen in Schlesien allmählich Teile des Silingerstammes mit den Vandalen Richtung Nordafrika wo sie das Vandalenreich mitbegründen.

Vom 6. Jahrhundert an wandern die Slawen vom Schwarzen Meer kommend auch in Schlesien ein, aber sie werden durch die Awaren ersetzt. Von den noch in Schlesien ansässigen Silinger übernehmen sie die lokalen Bezeichnungen und Teile der Sprache.

Die slawischen Stämme mischen sich in Schlesien mit den germanischen Bewohnern. Die Zeit ist geprägt vom Streit zwischen den böhmischen Premysliden und den polnischen Piasten. Im 10. Jahrhundert gründet der böhmische Herzog Vratislav I. Premysliden Wratislaw (894-921) die Grenzfestung Vratislavia (Breslau)

Im Jahre 966 läßt sich der Piast Fürst Mieszko I. taufen und eint die Stämme der Polen und Slawen und Germanen in Polen und dem Grenzland. Die erste polnische Kirchenprovinz wird im Jahre 1000 in Gnesen (Gniezno) eingerichtet. In Gnesen befindet sich auch das Grab des heiligen Adalberts. Das Bistum Breslau gehört nun zur polnischen Kirchenprovinz und wird zur kirchlichen Zentrale Oberschlesiens.

Etwa 990 kam es trotz Verwandtschaft  zwischen Dago-Misika von Polen und Boleslaw II. von Böhmen zum Krieg um Schlesien, über den wenig überliefert ist. Es ist aber bekannt, dass die Polen mit Hilfe der Truppen des deutschen Erzbischofs Giseler von Magdeburg und des Markgrafen Ekkehard von Meißen siegen konnten. Dadurch erhielten die Polen die Herrschaft über die strittigen Gebiete in Schlesien bis zur Queis-Bober-Oder-Grenze.

Im Jahre 966 läßt sich Fürst Mieszko I. taufen und es kommt zur Einigung der Stämme der Polen und Slawen und Germanen in Polen und dem Grenzland.

Die zahlreichen deutschen Ortsnamen in Österreichisch-Schlesien zeugen davon, dass die meisten Städte und Dörfer von deutschen Siedlern gegründet wurden. Dieser Prozess begann mit dem PiastenherzogHeinrich I., der zu Beginn des 13. Jahrhunderts Bergleute, Handwerker, Bauern und Händler aus fränkischen, thüringischen und obersächsischen Gebieten anwarb. Den Städten wurde überwiegend das Magdeburger Stadtrecht verliehen. Bis zur zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts bildete das Gebiet um Troppau die Nordprovinz der Markgrafschaft Mähren, danach entstanden unter König Ottokar II. und seinen Nachkommen die böhmischen Herzogtümer Troppau.

Diese Siedlungspolitik hat sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem Segen für Böhmen und Mähren entwickelt und es ist bekannt, dass die deutsche Minderheit (1/3)  schließlich mehr als die Hälfte des Nationaleinkommens des tschechoslowakischen Staates erwirtschaftete.

Dass sich der erste Präsident der neu errichteten Tschechoslowakei Tomas G. Masaryk, der mit der deutschen Sprache aufgewachsen ist und seine ersten Manuskripte in Deutsch verfasste und diese von einem Studenten übersetzen lassen musste, zu seiner bekannten antideutschen Äußerung  über die staatsrechtliche Stellung der über drei Millionen Deutschen im neuen Staat hinreißen ließ, zeigt auch seinen aggressiven Charakter[2]:

"Was unsere Deutschen in Böhmen betrifft, so ist unser Programm seit langem bekannt. Die von den Deutschen bewohnten böhmischen Gebietsteile bleiben unser. Wir haben diesen Staat begründet, haben ihn erhalten und verteidigt... Ich wieder­hole, wir haben diesen Staat erkämpft und die staatsrechtliche Stellung unserer Deutschen, die als Immigranten und Kolonisten hierher gekommen sind, ist damit ein für allemal festgelegt."

In dem angeführten Interview festigte und verschärfte er seine Aussage: Für diese Landes­fremden [die Deutschen in Böhmen] wird man vielleicht einen modus vivendi schaffen. ... Im Übrigen bin ich überzeugt, dass eine sehr rasche Entgermanisierung dieser Gebiete vor sich gehen wird."

 Diese Äußerungen haben vor nun annähernd fünfundneunzig Jahren bei unseren Vorfahren für beträchtliches Aufsehen und zornige Empörung gesorgt. Sie führte zum Eklat. Bei der feierlichen Eröffnung des ersten gewählten Parlaments am 1. Juni 192o mit insgesamt 285 Abgeordneten platzten irgendwo im Saal Stinkbomben. Die größte Zahl der 73 neu gewählten deutschen Abge­ordneten zog unter dem Ruf "Die Immigranten und Kolonisten verlassen den Saal!" protes­tie­rend aus dem Plenum aus. Damit wollte man demonstrieren, dass man sich nicht mit der Rolle eines Staatsbürgers zweiter Klasse abzufinden lassen  wollte.

Wie kam der angebliche Humanist Masaryk zu seiner deutschenfeindlichen Äußerung, die vordem niemand in dieser Deutlichkeit ausgesprochen hatte.  Nach der geglückten Loslösung von Österreich und endlich erlangten republikanischen Freiheit sind die Äußerungen vielleicht verständlich und Masaryk hat nur das ausgedrückt, was seit František Palackýs "Geschichte von Böhmen" gängige Lehransicht tschechischer Historiker, aber auch in der Volksmeinung als vermeintliches geschichtliches Wissen verankert war. Prof. Dr. Herwig Baier schreibt dazu in seinem Beitrag[3] „Ein Aphorismus: Immigranten und Kolonisten. Ein Akt der Beschimpfung oder der Hochachtung ?“

„Die Deutschen im neuen Staat hätten diesen chauvinistischen Überschwang Masaryks mit einigen - pflichtgemäßen - verbalen Protestaktionen begegnen und so die Angelegenheit auf sich beruhen lassen können. Schließlich hat man um das tschechische Geschichtsbild und seine Abweichung vom deutschen gewusst, und das nicht nur in den Kreisen der deutschen Gebildeten.

Da aber die Erklärung des präsumptiven Präsidenten auch ein politisches Zukunfts­programm enthielt, wurden die Mitteilungen Masaryks als bedenklicher eingestuft. Die im alten Österreich sich als privilegierte, staatstragende Schicht empfindenden Deutschen sahen sich nun in die Rolle einer zweitrangigen, im neuen Staat gerade mal widerwillig geduldeten Minderheit verwiesen, der die "tschechoslowakische" Staatsnation aus purer Großzügigkeit zwar alle Pflichten aufzu­erlegen berechtigt, aber Rechte nur nach Gutdünken zuzugestehen bereit war. So kamen ab dem Jahr 1923 bis zur Weltwirtschaftskrise anfangs der Dreißigerjahre immerhin 56 Prozent des Steueraufkommens der ersten ČSR aus den deutschsprachigen Gebieten, wobei dort nur rund 20 % der Staatsbevölkerung lebte.

Mit diesen Geldern wurden die ungewöhnlich hohen Rüstungsausgaben, die Verteidigungs­anlagen an den Grenzen finanziert, obwohl deutsche Betriebe dabei völlig ausgeschlossen wurden. Vielen Unmut unter den Sudetendeutschen rief unter anderem auch der Aufbau des Systems der tschechischen Minder­heitenschulen hervor, die als Staatsschulen mit immensem finan­ziellen Aufwand in den deut­schen Schulbezirken geplant, gebaut und unterhalten wurden, also mit Mitteln aus dem allge­meinen Steueraufkommen. Ihren Pflichten kam auch selbst bei der ersten Mobilisierung im Mai und der zweiten im September 1938 die überwiegende Mehrzahl der sudetendeutschen Wehr­­pflichtigen nach, obwohl ihre Gestellungsorte wegen der in der Armee geübten Disloziierung der Rekruten und Wehrpflichtigen zwischen Heimatort und Garnison in der Regel in der Slowakei und in der Karpathen-Ukraine lagen.

Schon allein die Benützung des Possessivpronomens "unsere" Deutsche musste Unwillen erzeugen. Wurden sie doch damit ausdrücklich und nicht zufällig zu einer Art tschechischen Besitzes erklärt. Und ein Eigentümer kann mit seinem Besitztum nach eigenem Gutdünken ver­fahren, wie er will. Er kann sein Besitztum mehren oder verkaufen, pflegen oder vernach­lässigen, schützen oder verkommen lassen, umsorgen oder vernachlässigen, vererben oder verschludern. Der Besitz selbst ist nicht danach zu fragen, was mit ihm zu geschehen hat. Er hat alles nur zu ertragen. Diese Politik hat in vielerlei Hinsicht das Leben in der ersten Tschechoslowakischen Republik geprägt, bestimmt und letztlich zu ihrem Scheitern geführt.

Sicherlich hat Masaryk nicht im Entferntesten daran gedacht, den Sudetendeutschen Ehrentitel verleihen zu wollen. Er hat es aber de facto getan. Dies hätte man schon damals in überlegten Reaktionen nützen können, der Anmerkung Masaryks eine andere als gewollte Bedeutung der Öffentlichkeit zu vermitteln. Zumindest wäre es heutzutage an der Zeit, dies nachzuholen. Natür­lich hat Masaryk mit der geschichtlich einwandfrei belegten Meinung Recht, dass unsere Vor­fahren als Immigranten und Kolonisten in die böhmischen Länder gekommen sind.

 

Masaryk hat damit - wenn auch ungewollt - unbezweifelbar zum Ausdruck gebracht,

  • — dass die Deutschen nicht mit der Faust am Schwert, sondern am Pflug gekommen

    waren;

  • — dass sie nicht die Streitaxt, sondern vor allem in den Grenzwäldern die Holzhacke

   und in den Bergwerken die Haue geschwungen haben;

  • — dass sie nicht als Mordbrenner, sondern als kulturstiftende Brandroder aufgetreten

    sind;

  • — dass sie sich nicht als verwüstende Verheerer, sondern als Rechte schaffende

   Städtebauer heimisch gemacht haben;

  • — dass sie nicht als beutelüsterne Eroberer und Besatzer aufgetreten sind; sondern als

   arbeitsame Bauern, Handwerker, Berg- und Kaufleute sich um das Land verdient

   gemacht  haben;

  • — dass sie keinen verdrängt oder um sein Besitztum gebracht haben, sondern den

   Wohlstand des einheimischen Adels und des Landes gemehrt haben;

  • — dass sie niemanden unterdrückt, seiner Sitten und seiner Sprache beraubt haben,

   sondern ein friedliches Zusammenleben gesucht und unbebaute, brachliegende

   Landesteile in  unwirtlichen Gegenden nutzbar gemacht haben.

Die Liste einer zusagenden Bewertung der Ausführungen über Immigranten und Kolonisten des ersten Staatspräsidenten der Tschechoslowakischen Republik ließe sich unschwer fortsetzen. Könnte sie in heutiger Zeit nicht endlich dazu dienen, dass alle, die sich damit beschäftigen, auch in eine andere Weite und auf eine andere Weise geschichtlich gewordene Äußerungen beurteilen?

Bleibt noch die Frage, wie lange man selbst und seine Nachkommen in einem Land leben muss, um über den Status eines bloß geduldeten „Landesfremden" hinauszukommen und vollwertiger und rechtlich uneingeschränkter Bürger zu sein. 700 Jahre waren es damals offensichtlich zu wenig. Und im Übrigen: Ist nicht in Mitteleuropa seit der Altsteinzeit jeder irgendwann irgendwo eingewandert? Wer darf sich selbstherrlich anmaßen autochthon (alteingesessen) zu sein, der befugt ist, seine Mitbewohner zu zweitrangigen Bürgern zu degradieren? Wer ist nicht alles in geschichtlich nachweisbaren Zeiten in die böhmischen Länder eingewandert? So zeigen doch beispielsweise allein die Flussnamen, wie Elbe/Labe, Eger/Ohře, Iser/Jizera und andere, dass vor den Slawen keltische und dann germanische Volksstämme das Land besiedelt hatten. Kennt doch der bereits angeführte František Palacký in seiner "Geschichte von Böhmen" den Begriff "Germanen" nicht, zumindest vermeidet er ihn systematisch. Für ihn sind all die Goten, Wandalen, Quaden, Langobarden, Markomannen u. a. schlichtweg Deutsche, die sich halt in ihren neuen Siedlungsgebieten mit der vorhandenen Bevölkerung vermischt haben und nur Spuren in Landschaftsbezeichnungen wie Lombardei, Katalonien (Gotenland), Andalusien (Wandalenland) hinterlassen haben. Wollte damit František Palacký ein Programm für die Zukunft der Deutschen in den böhmischen Ländern durchblicken lassen, das seine Epigonen, darunter der von einen deutschen Mutter abstammende Universitätsprofessor Doktor der Philosophie Thomas G. Masaryk bereitwillig aufgenommen haben und beabsichtigen, in Form einer „raschen Entgermanisierung“ der verdeutschten Gebiete zu realisieren."

 



[1] „Sudetendeutsches Schicksal im Laufe der Jahrhunderte“, Aufstieg –Verlag München

[2] Bei einem Streit mit dem Schuldirektor in Brünn ging er auf diesen mit einem Schürhaken des Zimmerofens los,

   was seinen sofortigen Schulausschluss zur Folge hatte,

[3] Aus „Mitteilungen Haus Königstein“ Heft 4-2012, S. 29 f